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Wie eine Prüfung (fast) den Ruf der Uni rettet

Es gibt ja schon so einige Kuriositäten im Leben, aber dass es nun ausgerechnet eine Prüfung ist, die die Meinung über einen Kurs nach oben korrigiert, gehört sicherlich zu den seltsameren Ausformungen.

Es war so, dass ich heute erstmal meine letzte Prüfung geschrieben habe. Der Kurs hieß „Denkmäler und Kultur“ … in etwa. Problem hierbei war, dass es einfach stinklangweilig war, weil der Typ ohne Luft zu holen in unglaublich hektischer Art pausenlos in 2-3h-Kursen Zahlen und Namen runterratterte, ohne dass es erkennbare größere Zusammenhänge gab. Es war eine reine Darstellung dessen, was passiert ist, eine Historiografie, die keinerlei Erkenntnis für das Hier und Jetzt gab.

Halt klassische Geschichts-Darstellung, wie man es von soo vielen schlechten Vorträgen an der Uni kennt. Der Referent erzählt die Geschichte, begreift aber überhaupt nicht, warum der Professor (dem ich jetzt einfach mal weise Absichten unterstelle) wollte, dass er die Geschichte zum Thema XY erzählt. Deswegen erzählt er, was in Jahr X und was in Jahr Y passiert ist und kommt dann zum eigentlichen … langweilig und überflüssig. Es wird auch während des Vortrages nie wieder darauf Bezug genommen, geschweige denn, dass jemals VORHER erzählt wird, warum der Referierende sich das jetzt so vorgenommen hat.

Wahrscheinlich haben die sich alle ein Beispiel an Kurt Tucholskys „Tipps für einen schlechten Redner“ genommen.

Fang immer bei den alten Römern an und gib stets, wovon du auch sprichst, die geschichtlichen Hintergründe der Sache. Das ist nicht nur deutsch – das tun alle Brillenmenschen. Ich habe einmal an der Sorbonne einen chinesischen Studenten sprechen hören, der sprach glatt und gut französisch, aber er begann zu allgemeiner Freude so: „Lassen Sie mich in aller Kürze die Entwicklungsgeschichte meiner chinesischen Heimat seit dem Jahre 2000 vor Christi Geburt…“

Na ja, auf jeden Fall war die Prüfungsfrage dann „Est-ce que le patrimoine tourné vers le passé?“ Zu deutsch: Sind Denkmäler/Gedenkkultur auf die Vergangenheit gerichtet.

Jetzt muss man wissen, dass mir die Noten hier theoretisch egal sein könnten und auch sind. Es kann halt mal ne Prüfung daneben gehen, sowas kommt vor, ist aber für meine ERASMUS-Förderung nicht so wichtig. Ich denke, ich dürfte alle Prüfungen soweit anständig bestanden haben und dieser Kurs ging mir, wie gesagt, aufn Geist.

Die Frage fand ich allerdings wenigstens mal ein wenig interessant. Woraufhin ich dann das Für und Wider dieser Aussage erörterte, aber insgesamt dann zu einem etwas provokanten Gleichnis ansetzte. Ich schrieb in etwa, dass man ja ungefähr diesen Kurs nehmen könne, um diese Frage zu beantworten. Während der Zahlen-Ratterei sei er unglaublich langweilig mit 0 Bezug zu meiner Gegenwart oder Zukunft gewesen. Aber die Frage fand ich interessant, weil darüber nachzudenken für einen angehenden Geschichtslehrer schon wichtig ist und mir auch was bringt. Insofern war dann meine Antwort „Wenn man daraus Lehren zieht, dann nicht, wenn man es bei der Darstellung des Gewesenen belässt, dann schon.“

Die Uni und insbesondere die Verwaltung der Uni suckt zwar immernoch, aber tatsächlich habe ich mich dabei erwischt, wie die Frage und mein, aufgrund der Unabhängigkeit meiner Selbst vom Ergebnis der Klausur, freies Nachdenken darüber mir den Kurs wieder etwas gerettet hat.

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Erster Besuch

Tja, das war er. Der erste Besuch. Die Hälfte des Besuches hat wegen seltsamer Krankheiten abgesagt, die andere Hälfte kam mit seltsamen Krankheiten an und schmiss dann auch gleich mal damit um sich.

Nachdem nun wiedermal die ganze Welt um mich herum krank war, außer ich, wurde ich dann natürlich auch wieder krank … super.

Insgesamt isses ne ziemlich durchwachsene Bilanz gewesen hier. Insbesondere so bis Sylvester, weil wir die Museumsbesuche alle auf zwei Tage nach Sylvester gelegt haben, haben wir halt vor allen Dingen viel von außen gesehen, was jetzt nicht so furchtbar spannend ist, vielleicht auch in keiner Stadt. Sylvester allerdings war dann wirklich der Tiefpunkt. Ich hätte nie gedacht, dass das gerade hier in Paris so unglaublich langweilig sein kann, wie es das war. Kein Feuerwerk, keine großen Feiern. Die Tradition ist eher, dass man sich für wahnsinnig viel Geld irgendwo in einem Lokal einmietet und da den ganzen Abend und die ganze Nacht bleibt … spannend.

Na ja, dafür war das essen gut und Dinner-for-one gab’s auch. Das neue Jahr wurde dann zunehmend auch mit dem Gesundheitszustand besser.

Sobald das essen etwas besser wurde mit Libanesem, besonderem Crêpes und Fondue und man auch in die Museen reinging, wurde die ziemlich krasse und große Geschichte von Paris und Frankreich deutlich, wobei trotzdem immernoch klar ist, dass es Paris irgendwie ausgerechnet an französischer Kultur mangelt. Die beste Crêperie ist halt einfach mal griechisch, um mal das exemplarische Beispiel zu nennen.

Sascha meinte, Paris hat ne tolle Geschichte, aber keine eigene Identität mehr. Es ist irgendwie zu einer Business-Stadt verkommen, die so krass von Dienstleistungen und Tourismus lebt, dass ihr teilweise eigene Kultur ein wenig fehlt.

Ganz so krass ist es sicherlich nicht. Aber es stimmt schon, dass es auch sehr viele Pariser gibt, die sagen, dass wohnen in Paris eigentlich nicht so der Bringer ist, was sicherlich auch am sehr sehr krassen Pariser Verkehr liegt.

Aber einen Teil des negativen durchwachsenen Teils nehme ich auch auf meine Kappe und ein anderer Teil geht auf die Krankheit. Mir fehlen sicherlich die ein oder andere Reiseführer-Qualität, die man letztes Jahr genießen durfte. Sylvester aber scheint für Paris wirklich keine gute Zeit zu sein!

Zurück in Deutschland

Normalerweise ist mein Blog ja auch zu einem leichten Deutsche-Politik-Kommentar-Blog verkommen und weniger zu einem Blog über meine Erlebnisse während des ERASMUS-Jahres.

Zur Korrektur gibt es hier jetzt einen Eintrag bezüglich meiner vorübergehenden Weihnachts-Rückkehr nach Deutschland:

 

Logbuch eines Handlungsreisenden,

es ist gerade 05:30 Uhr morgens und ich sitze an einer französischen Hausarbeit die sich mit dem spannenden Thema der Einhegung des Museums der Katakomben von Paris in ihr institutionelles, politisches, soziales und ökonomisches Umfeld beschäftigt. Eigentlich wollte ich morgen, respektive heute, damit fertig werden. Allerdings brauche ich ein Interview mit einem Verantwortlichen und weil Frankreich nun mal Frankreich ist und sich Deutschland insbesondere bei der Bürokratie so sehr als Vorbild genommen hat, dass es uns übertroffen hat, braucht der Interviewpartner-in-spe dafür ne Genehmigung, damit er mit mir, einem Studenten, ein Interview führen darf. Liberté, gelle? Wenn das der Putin wüsste, wie weit das die Franzosen schon gebracht haben, der würde sich in neidvoller Anerkennung direkt an seinem jährlichen Dresdner Stollen verschlucken.
Das schlimmste ist, dass ich mich eigentlich gar nicht so richtig beschweren darf, weil die Arbeit eigentlich am 07.12. abgegeben werden sollte. Ich hab’s bloß offensichtlich und ehrlicherweise nicht mitgeschnitten. Wir haben heute ja nun leider den 20. –> Wird knapp.

Während ich da so sitze und wieder mal das ein oder andere Wort in das Internet eintippe, welches es fast nicht schafft, die dict.leo.org-Seite aufzurufen (Wer bitte, soll denn um 05:30 Uhr das Internet so hart benutzen, dass die Leitung verstopft oder haben die für das Haus wirklich nen 56K-Modem geschaltet?), erinner ich mich an meine schönsten Wortverwechslungen.
„Wann fährst du ab?“ statt „Wann steigst du aus?“ war schon gut aber auf die Frage hin, warum ich zu spät zum Kurs komme mit „Na, der Krieg!“ zu antworten, war der Bringer. Für zwei Sekunden hat meine unbewusste Ausstrahlung der Selbstverständlichkeit dieser Begründung ausgereicht, die Professorin zu überzeugen. Wenn ich das perfektioniere, kann ich bei der Royal Shakespeare Company anheuern und bin gleichzeitig der mächtigste Mann der Welt. Ich seh mich schon eine ähnlich historische Audio-Aufzeichnung machen wie das Hörspiel der Alienlandung in den USA, das zur Massenpanik führte.
Ich lese völlig übermüdet einen halbwegs hilfreichen deutschen Text zum Thema und erwische mich, dass ich mich frage, ob da nich ein Accent über das e gehört … es wird Zeit, ins Bett zu gehen.
An diesem Tag findet der Kurs das letzte Mal statt, Beginn 9 Ende 11 Uhr. Ich wache um 12 auf und erschrecke, weil ich um die Zeit mit einer Freundin zum Mittag essen verabredet war.

Im Bus treffe ich Jaime (Chaime gesprochen, weil er Spanier ist). Er erzählt mir, dass er dasselbe Problem wie ich mit dem Wohngeld (CAF) hat und dort genau wie ich inzwischen 3 Briefe mit derselben einen Information hingeschickt hat und die es einfach nicht hinbekommen, dass zu lösen. Selbst die Chefverwalterin meines Studentenwohnheims, die eine der wenigen fähigen Bürokraten-Menschen in Frankreich zu sein scheint, verfällt bei meinem Anblick und meinem unschuldig-gewinnenden „J’ai une question sur ce lettre de CAF“-Lächeln inzwischen wahrscheinlich in den Zustand chronischer Kopfschmerzen.
Er ist gerade dabei, das 4. mal ne halbe Stunde hin und wieder von der Uni zu zuckeln, weil die Sekretärin es nicht hinbekommt, mal „ok“ zu antworten, auf ein zugeschicktes Dokument.

Der Direktor der Uni hat doch allen ERASMUS-Studenten angeboten, auch gerne Anregungen zur Verbesserung des Universitätsbetriebes zu geben. Ich hab ja bald Ferien ]:-> … und paar Ideen hab ich auch … mir können die Noten ja egal sein.

Generell ist das irgendwie nicht mein Tag. Die eh schon selbst an Mensa-Maßstäben gemessen ziemlich mäßige Uni-Kost bietet heute noch nicht mal den vollen Umfang an Speisen. Der halbe Essenssaal ist aus Faulheit des Personals gesperrt, während der Rest dafür umso ‚geselliger‘ ist. Wir haben Glück und finden einen Platz.
Gegen Abend haben wir einen kleinen Abschiedsabend für Kristy, die Schwedin, die sich jetzt denkt, dass sie die andere Seite des hundertjährigen Krieges kennen lernen will und das nächste Semester in GB verbringt. Wir sitzen gemeinsam da und philosophieren darüber, ob wir Paris wohl vermissen werden. Einhellige Meinung: Zum besuchen ist Paris total toll, zum Leben eher nicht so. Teuer, überfüllt, sanierungsbedürftig, irgendwie laufen hier einfach paar Dinge falsch. Fest machen wir das vor allen Dingen an den Prüfungen und den Taktungen. Hier hat jemand schon mal 8 Prüfungen in einer Woche und nebenbei noch 1-2 Vorlesungen. Zwischenzeit zum lernen gab’s auch nicht und die meisten Franzosen müssen auch nebenher noch arbeiten, weil Paris doch eher teuer ist. Wird wohl nen Grund haben, warum F die höchste Antidepressiva-Quote/Person in Europa (oder wars weltweit?) hat.
Unter uns ERASMUS-Studenten kursiert seit einiger Zeit schon eine Idee für einen neuen T-Shirt-Spruch: Joyeux EXAMENS!!! Eine Geld-Maschine die nur noch der Umsetzung bedarf. … später vielleicht.
Jaime hat Schokoladenfondue mit ganzen Haselnüssen darin und kleingeschnittenen Früchten zum reindippen gemacht. Guter Mann. Ich fühle mich mit meinen Bouletten etwas im Hintertreffen, dafür finden die alle anderen mega-toll –> Oo. Na ja, wem’s gefällt. Ich lass mir Schokofrüchte und Lob die Kehle runterrinnen und komme zu dem Schluss dass das offizielle Frankreich irgendwie doof und das inoffizielle Frankreich eigentlich ganz cool ist. Franzosen sind auch cool, wenn man sie kennt.

Den darauffolgenden Tag versuche ich, Geschenke zu kaufen und finde Haufen Sachen, die ich nicht mitnehmen kann, weil sie mir im Flugzeug abgenommen werden würden. Es ist zwar Weihnachten, aber die guten Wachgesellschaften haben eigene Familien, die ihnen Wein und Käse kaufen können. Also gehe ich hier mit schlechtem Gewissen und ohne Geschenke nach D zurück und tröste mich selbst damit, dass ich wohl ein Paket schicken werden muss … und der Aussicht auf Muttis essen.

Am Abend vor der Abfahrt, es ist inzwischen Samstag, schau ich noch „Le Hobbit“. Allerdings auf Englisch mit Untertiteln. Ganz nett – wenn man das Hirn abschaltet. Ein Mechanismus, den ich mir jahrelang antrainiert habe. Zack! funktioniert. Überhaupt bin ich überrascht. Ein Kino, in Frankreich, wo konsequent in Originalsprache mit Untertiteln gesendet wird. Echt hübsch.

Ich packe noch am Abend und räume soweit auf, dass akzeptable Hygienestandards gewahrt bleiben. Dann seh ich den Boden des Apartments. „Alter, du musst echt sauber machen“, denke ich mir und geh ins Bett.
Sobald ich die Uni los war, war Frankreich eigentlich ganz cool. Vor allen Dingen werde ich daran erinnert, dass man in D. mit zwanghaft fröhlicher Gesichts-Tacker-Weihnachtsmusik zugedudelt wird, bis es einem fröhlich aus den Ohren sprießt. Gibt’s hier nicht. Ist das schön.
Ich bemerke, dass ich doch gegen Ende bissl Frankreich-Blues hatte und mich jetzt bissl auf gewohnte Verhältnisse und regelmäßige Bus-Abfahrtszeiten freue als ich in das Flugzeug steige.

Wieder in Deutschland warte ich auf den Bus, der mich nach Dresden bringt. Als ich einsteigen will höre ich ein vertreutes „Ick hab jesacht, noch nich einsteigen, bidde!“, woraufhin ich mir ein grinsen nicht verkneifen kann, was den Urheber dieser Aussage für zwei Sekunden etwas aus dem gewohnten Berliner Tritt bringt. Unerhört-höfliche Freundlichkeit. Damit killste hier jeden, ha! Ich bin wieder in gewohnten Kulturmustern.

Auf der Fahrt gönne ich mir einen ergatterten Schatz französischer Hochkultur. Asterix und Obelix bei den Pikten auf französisch. Nach Game of Thrones ein gewisser stilistischer Schwenk, aber Otter-Witze sind einfach großartig.
Mutter ist scheinbar so aufgeregt, ihren Sohnemann bald wieder zu sehen, dass sie mich, trotz nicht-vorhandener Verspätung 2x anruft, ob ich denn auch wirklich gleich da bin. Ja, Mama, geht ja gleich los. Dann fährt sie mich in die Heimkehr und drückt mir ein Fresspaket für den Abend in die Hand. Vielleicht ist das auch so ein wesentlicher Faktor, der in Frankreich fehlt …
Ich freue mich darauf, in meinem Bett zu schlafen und ne Küche, ne richtige Küche zu haben, mit nem Backofen und solchen Scherzen und zwei Herdplatten, auf die man gleichzeitig was stellen kann, was sich dann nicht gegenseitig runterschubst.

Die Küche sieht aus wie Dresden ’45. Ich fühl mich direkt zu Hause und lege erstmal historisch unkorrekt den Chor der roten Armee ins CD-Laufwerk. Sie schmettern „der heilige Krieg“. Ich dreh mich in die Küche, sehe den Feind und fühle mich verstanden. Alles is so wie immer und ich beginne, abzuwaschen … ne Stunde. In mir reift die Erkenntnis, dass man nicht-vorhandenes wohl immer ordentlich idealisiert.
Schön ist, dass sich manche Sachen nicht ändern. Es gibt tatsächlich immernoch die Gabel im Besteckkasten, bei der der Griff komplett abgebrochen ist, was beim essen zu einem Fest-Anblick wird. Toll. Traditionen sind schließlich wichtig.

Aber glücklicherweise wissen meine Ex-und-Mitbewohner-in-spe nicht, was gut ist und es ist noch massenhaft von meinem Tee übrig, den ich hier zurückgelassen habe. Deswegen sitze ich jetzt hier bei einer Tasse Tee, der 9. Sinfonie von Beethoven und einer funktionierenden Heizung (GEIL!).

Jetzt habe ich hier erstmal Zeit, mich wieder zu ordnen und mich all dem zu widmen, was ich inzwischen schon wieder an Vorhaben oder irgendwas gar nicht mehr im Kopf hatte. Und das werde ich jetzt machen. Mich besinnen auf das kommende halbe, dreiviertel Jahr und den Rest danach und was ich dann so machen werde.

Das wünsche ich euch auch.

Freundliche Busfahrer, liebe Muttis, nette Arbeitskollegen und Verwaltungen und vor allen Dingen Zeit,

Frohe Weihnachten und wen ich nicht mehr sehe: Guten Rutsch und frohes neues Jahr.

Max

griechischer Kommentar

Hallo,

noch ein kleiner Beitrag zum Thema Europa. Es ist geradezu von erschreckender Heftigkeit, mit der folgender griechischer Zeitungskommentar zur Vereidigung Merkels für eine dritte Amtszeit geschrieben wurde (Auszug aus dem Kommentar in deutscher Übersetzung in Verantwortung der Bundesanstalt für politische Bildung BpB):

To Vima Online – Griechenland
Ganz Deutschland strebt nach Hegemonie
Die große Koalition zementiert das Hegemoniestreben Deutschlands, meint linksliberale Online-Zeitung To Vima: „In Deutschland gibt es keine Ideologien mehr, die miteinander in Konflikt geraten. Es gibt eine einzige dominante Ideologie, die eine breite Unterstützung hat: die deutsche Hegemonie und die totale Herrschaft über Europa. Eine Hegemonie, die heute auf dem Höhepunkt und die treibende Kraft in Europa ist. Und sie wird in Deutschland nunmehr von einem breiten nationalen Konsens getragen, haben doch die Sozialdemokraten alles vergessen, was sie am Umgang Merkels mit der Krise kritisiert hatten. … Die Deutschen sind also vereint, haben ihre Vision und tun alles, um sie erfolgreich zu verwirklichen. In Wahrheit aber zerstört diese Vision das gemeinsame Europa und dabei zuerst die schwachen Länder.“ (Kursivhervorhebung durch mich)

Ich find’s krass. Und die Zeitung ist linksliberal, also keine Hetzerzeitung von der Goldenen Morgenröte oder sowas.

zwei Sachen im Wesentlichen

1. Stefan Niggemeier hat sehr schön zusammengestellt, wie so der Unterschied zwischen sich nach Hollywood-Politthriller sehnenden Medienwirklichkeit und dem, was sich wirklich in Berlin abspielt, aussieht und was er für Stilblüten treibt. Titel heute: „Die haben doch die Ministerien eh schon alle festgelegt und wir wissen auch schon alles!“

Und: „Wir auch!“

2. Ich bin von 22. nachmittags bis 27.12. abends in Dresden und wenn mich irgendwer irgendwo irgendwann treffen will: ich bin unter meiner Telefonnummer erreichbar.

Ansonsten sitze ich hier gerade vor einer extrem langweiligen Arbeit und muss mich zwingen, weiter zu machen -.-

Bis demnächst.

Die Entscheidung – Ja oder Nein

So, jetzt hatte ich das Briefchen also vorliegen. Ja oder Nein zum ausgehandelten Koalitionsvertrag … puhh!

Ich sitze hier eigentlich gerade vor einem Vortrag zur mittelalterlichen Geschichte Venedigs unter besonderer Berücksichtigung der Bedeutung des Apostels Markus und des Lebens und Wirkens der verschiedenen Religionen in der Stadt – auf französisch mit einer Stunde Dauer und Stichtag Samstag, aber … is ja wichtig.

Man hätte es mir aber durchaus leichter machen können. Kein Teil der Politik, der mir wichtig ist, ist so richtig zu meiner Zufriedenheit und es ist aber auch leider nichts dabei, was ich aus so vollem Herzen ablehne, dass ich die Fortschritte, die es geben könnte, dahinter zurückstellen kann.

Also eine Abwägungsfrage… prima.

Zuerst habe ich mal versucht, das Ganze total rational zu machen. Nur auf Inhalte schauen. Was ist mir wichtig, zu welchen Teilen wurde das umgesetzt usw. usf. Dann bin ich aber relativ schnell davon abgekommen.

1. ist ein Koalitionsvertrag meistens noch ziemlich ungefähr formuliert. Man kann in paar Wochen nicht so schnell sagen, dass man das ganz genau bis dahin machen wird, mit der Finanzierung, die daher kommen soll usw. usf., es wäre zwar einerseits schön zwecks Planungssicherheit, aber eben auch unredlich, weil es keiner kann.

2. kann ich mich nicht ernsthaft dazu durchringen, eine Entscheidung zu treffen, ohne die Konsequenzen und Alternativen zu bedenken. Es tut mir leid, es geht nicht.

Welche Inhalte waren mir wichtig? Bildung, Europa, Netzpolitik, Bürgerrechte, mehr Geld für Kommunen und Infrastruktur. So kann man das zusammenfassen. Mindestlohn … ja, auch … Rente … Entschuldigung, aber: überhaupt nicht …

Bildung gibt es wohl 6 Mrd. mehr. Das ist – mit Verlaub – bei weitem zu wenig oder schlicht lächerlich. Unser Bildungssystem ist mit 25 Mrd. €/Jahr unterfinanziert. Zwar ist Bildung Ländersache, aber ich habe im Koalitionsvertrag keine Aufhebeklausel des Kooperationsverbotes von Bund und Ländern gelesen. Ich glaube aber trotzdem, dass es kommt, weil sich da eigentlich alle einig sind. Vielleicht kommt ja nochmal was drauf von den Ländern. Es ist nicht genug, aber es ist etwas.

Europa: Jugendarbeitslosigkeit bekämpfen, Finanzmarkttransaktionssteuer einführen, Parlament stärken, Subsidiaritätsprinzip, Angleichung des Wahlrechts in den Ländern, Internationalisierung in vielen Bereichen sind alles gute Sachen.

In Sachen Finanzhilfen hat sich allerdings die CDU voll durchgesetzt … leider.

Netzpolitik: Netzneutralität gesetzlich verankern und durchsetzen wollen. Gut. WLAN öffentlich in Städten, vma. Breitbandausbau … auch wichtig.

Bürgerrechte: Da reden wir lieber nicht von. Schwarzes Kapitel. Kein Wort vom Ausbau der Bürgerrechte und Schutz der Bürger vor Übergriffen des Staates. Das sind einfach beides keine liberalen Parteien, auch wenn ich bei der SPD noch auf Entwicklung hoffe.

mehr Geld für Kommunen und Infrastruktur: Bestimmt nicht genug, aber immerhin: Ja, etwas. Insgesamt belaufen sich die Mehrausgaben ja auch auf 20 Mrd. € für die nächsten vier Jahre, das ist schon ne Menge.

Die Konsequenzen einer Ablehnung wären: All die guten oder sagen wir mal zumindest graustufigen Sachen kämen nicht. Es käme mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Neuwahlen, denn: bei schwarz-grün würden die Grünen noch weniger durchsetzen können, aber müssten das wiederum ihrer Basis verkaufen. Das wird nicht funktionieren. Es bleibt: Minderheitsregierung: vergiss es, wird nicht passieren, also: Neuwahlen.

1. Der Souverän hat gesprochen. Wir können nicht sagen „Och nee, das passt uns nicht, macht mal nochmal!“ bis es uns passt und wir in einer ‚angenehmeren‘ Position sind.

2. Auch Neuwahl des Parteivorstandes. Man mag jetzt von Andrea Nahles halten, was man will, aber ich finde, Sigmar Gabriel ist ein guter Parteivorsitzender. Er führt die Partei seit 4 Jahren auch in schwierigem Fahrwasser stabil und wirkt auf eine Mitmachpartei hin, statt einer Mitgliederpartei.

Neuwahlen würden meines Erachtens wahrscheinlich zu CDU-Mehrheit oder CDU/AfD oder CDU/FDP führen, was keinen Deut besser ist. Die Linkspartei ist nicht soweit zu regieren und die SPD/Linkspartei/Grünen-Koalition wird es nach einer Neuwahl auch bei rechnerischer Mehrheit nicht geben. SPD/CDU hätten keinen Grund, es nochmal zu probieren und CDU/Grüne auch nicht.

Ich habe es wirklich schweren Herzens abgewogen. Sabine Friedel aus Dresden hat es wahrscheinlich schön gesagt: „Der Kopf sagt ja, das Herz sagt nein.“ Bei allen auch schmerzhaften Kompromissen. Bei allen Abstrichen bei Europa, Bürgerrechten, Netzpolitik, Finanzen, Steuern, allen Zumutungen und mangelnden Visionen für eine junge Generation oder für Deutschland und für Europa … die Alternativen sind nicht besser und ich bin nun einmal Demokrat; und wer zum (auch manchmal schmerzhaften) Kompromiss nicht fähig ist, der taugt nicht zur Demokratie. Merkel hat die Wahl gewonnen, also kann man auch keine Visionen erwarten.

Ich glaube, dass von Seiten der SPD viel umgesetzt worden ist (Mietpreisbremse, Mindestlohn, gleiche Bezahlung von Frauen und Männern, finanzielle Stärkung von Kommunen/Infrastruktur/Bildung) und bei allem Herzbluten das ich mit diesem Vertrag habe: Ich habe mit Ja gestimmt.

Warum ich das hier schreibe? Ich wollte euch einen Einblick darin geben, wie so ein Entscheidungsprozess auch für das einsame kleine SPD-Mitglied aussieht und wie ich das persönlich abgewogen habe.

Die Partei diskutiert derzeit sehr intensiv auf allen möglichen Veranstaltungen und ich denke mal, man kann sich sicher sein, dass jeder oder zumindest der absolute Hauptteil seine Entscheidung für sich selbst wohl überlegen wird.

Zum Koalitionsvertrag

Auf Wunsch eines einzelnen Herren werd ich ein paar Worte dazu verlieren. Allerdings wird es mir weniger um die Inhalte gehen, sondern um einen interessanten Mechanismus dahinter. Die Inhalte des Koalitionsvertrages werden breit und öffentlich diskutiert und man findet das ganze Meinungsspektrum von „Verrat der SPD an ihrem [linken] Wahlprogramm“ bis zu „Das ist ein total sozialdemokratisches Programm des Sozialismus“; von „Das kann kein SPD-Mitglied ablehnen, was da rausgekommen ist“ bis „das muss man ablehnen.“

Dazu kann man stehen, wie man will, ich selber weiß es noch nicht, weil ich das Originaldokument (185 Seiten -.-) noch lesen muss.

Deshalb komm ich zu etwas, wovon ich mehr verstehe: Den Koalitionsverhandlungen und warum die SPD in meinen Augen massiv viel mehr durchsetzen konnte, als es ihr Wahlergebnis eigentlich rechtfertigen würde (im Vergleich zur CDU/CSU-Fraktion, im weiteren CXU genannt).

Inwiefern es wirklich genial war, wird sich erweisen, aber für die Koalitionsverhandlungen mit einem zwar mächtigen, aber eben allein nicht genügend mächtigen Verhandlungspartner, war der Mitgliederentscheid der SPD-Basis ein strategisch gut überlegter Zug. Die CXU will diese Koalition. Man kann mit ihr gut und verlässlich arbeiten, nach der letzten Erfahrung zu urteilen und hat auch nach diesem und dem letzten Wahlergebnis keine Angst, dass man vom Wähler abgestraft wird. Außerdem ist man mächtig. Für die SPD musste daher ein Trumpf her. Die reine Drohung, das Ding einfach platzen zu lassen, hätte nur selten funktioniert, vielleicht bei 1-2 Punkten.

Also droht man mit einem Mitgliederentscheid. Das geniale daran ist nicht die Wahl durch die Mitglieder an sich, das ist der eher riskante Teil des Spiels. Das geniale daran ist wie bei ausnahmslos jeder Wahl: Die Vorauswirkung. Das die SPD-Basis das Bündnis mit der CDU sehr kritisch sieht, ist bekannt. Man konnte also immer darauf verweisen, dass selbst, wenn man den Kompromiss selbst nicht so schlimm fände, man mit einem Koalitionsvertrag insbesondere die SPD-Basis überzeugen muss und deshalb ja leider gar nicht anders kann, als dieses und jenes Prestigeprojekt der SPD durchzusetzen. Mindestlohn, doppelte Staatsbürgerschaft, höhere Investitionen in Kommunen + Infrastruktur etc etc. Wenn man selbst mit Rücktritt droht, gibt es immer eine Alternative, nämlich es einfach doch zu akzeptieren. Wenn die Entscheidung aber bei jemandem liegt, der gar nicht am Verhandlungstisch sitzt, sondern den man dann mit dem Endergebnis überzeugen muss, kann man immer noch dieses und jenes rausverhandeln, weil sonst die Gefahr zu groß ist, dass das Ganze im Endeffekt abgelehnt wird, nur weil man sich in diesem einen (und dem und dem und dem und dem) Punkt engstirnig gezeigt hat.

Es ist ein Mechanismus, der den meisten gar nicht klar ist. Viele beschweren sich ja, dass wir nur alle vier Jahre wählen dürfen (wobei ich die Beschwerde auch schon andersrum gehört habe, wenn wieder Kommunal-, Landtags- oder Europaparlaments-Wahlen sind). Die Formulierung die man häufig auf irgendwelchen Zeitungs-Onlineportalen liest, kennt man.

„Das Stimmvieh wird einmal alle vier Jahre zu den Urnen getrieben und danach machen die da oben sowieso, was sie wollen.“

Der Trick ist nicht das wählen, sondern das die Politiker wiedergewählt werden wollen. Also: Sie können nur in begrenztem Maße Dinge tun, die das Wahlvolk Mist findet, weil: Wenn es die Dinge zu mistig findet, werden die Politiker bei der nächsten Wahl abgewählt.

Da kommen jetzt verschiedene Faktoren hinzu wie Kurzzeitgedächtnis der Wähler etc., aber das  ist ja strenggenommen dann deren Schuld. das erklärt auch, warum Wähler(-gruppen), die nicht zur Wahl gehen, besonders bescheuert sind. Wenn beispielsweise die unteren sozialen Schichten nicht zur Wahl gehen, dann wird – wenn wir den Mechanismus von oben zugrunde legen und der Meinung sind, dass Politiker und Parteistrategen wirklich zu strategischem Denken in der Lage sind und davon Gebrauch machen – was passieren? Sie werden in den Parteiprogrammen und den strategischen Ausrichtungen der Parteien einfach weniger vorkommen, weil sie eh nicht zur Wahl gehen und damit einfach aus dem Wählerpool ausscheiden. Es ist auch der Grund, warum man sich Gedanken machen darf, was das für die älteste Gesellschaft Europas und deren Innovationskraft und Generationengerechtigkeit heißt, denn: Insbesondere SPD und CDU werden von Rentnern gewählt, die heute bereits einen Anteil an der Bevölkerung von >25 % ausmachen und weit überdurchschnittlich

  1. in den Parteien vertreten sind
  2. diese beiden Parteien wählen

Das ist einer der Gründe, warum der Koalitionsvertrag insbesondere zu Lasten von Jüngeren ordentlich bei den Renten zuschlagen wird. Jüngere und sozial schwächere müssten bei dieser Systemlogik vor allen Dingen eines machen, um beachtet zu werden:

  • Wählen gehen!
  • Rein in die Parteien!

Man nennt das Ganze auch: Klientelpolitik. Insbesondere die SPD hat schmerzlich erfahren, was es heißt, wenn man Politik gegen sein Klientel macht: Man wird abgewählt. (Stichwort Agendareformen, Rente mit 67 und Mehrwertsteuererhöhungen) Es ist nun mal so und der Logik des Systems geschuldet, dass die Parteien natürlich auch diejenigen Wähler gewogen halten wollen, die die Parteien wählen. Wer es nicht macht, überlebt nicht – ganz einfach.

Das ist auch der Grund, warum eine Begrenzung von Amtszeiten von politischen Mandatsträgern meiner bescheidenen Meinung nach totaler Blödsinn ist. Was mache ich als Regierung, wenn ich sowieso nicht wiedergewählt werden kann und mir die nächste Wahl daher herzlich egal ist? Genau! Und wenn man sich etwas genauer anschaut, wie die zweiten Amtszeiten von US-Präsidenten seit der Ära Roosevelt laufen, hat man da auch eine ziemlich genaue Vorstellung, dass das genau so läuft.

Zum nicht wählen gäbe es nur einen Grund: Wenn ich glücklich bin und an den Verhältnissen so wie sie sind und zu werden scheinen nichts, aber auch gar nichts ändern will. Alles andere ist blödsinn.

Ob ich dem Papierchen zwischen CXU und SPD zustimmen werde, weiß ich wie gesagt noch nicht. Für junge Menschen, so muss man sagen, steht da nicht viel drin. Schaumer mal.