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Zurück in Deutschland

24. Dezember 2013

Normalerweise ist mein Blog ja auch zu einem leichten Deutsche-Politik-Kommentar-Blog verkommen und weniger zu einem Blog über meine Erlebnisse während des ERASMUS-Jahres.

Zur Korrektur gibt es hier jetzt einen Eintrag bezüglich meiner vorübergehenden Weihnachts-Rückkehr nach Deutschland:

 

Logbuch eines Handlungsreisenden,

es ist gerade 05:30 Uhr morgens und ich sitze an einer französischen Hausarbeit die sich mit dem spannenden Thema der Einhegung des Museums der Katakomben von Paris in ihr institutionelles, politisches, soziales und ökonomisches Umfeld beschäftigt. Eigentlich wollte ich morgen, respektive heute, damit fertig werden. Allerdings brauche ich ein Interview mit einem Verantwortlichen und weil Frankreich nun mal Frankreich ist und sich Deutschland insbesondere bei der Bürokratie so sehr als Vorbild genommen hat, dass es uns übertroffen hat, braucht der Interviewpartner-in-spe dafür ne Genehmigung, damit er mit mir, einem Studenten, ein Interview führen darf. Liberté, gelle? Wenn das der Putin wüsste, wie weit das die Franzosen schon gebracht haben, der würde sich in neidvoller Anerkennung direkt an seinem jährlichen Dresdner Stollen verschlucken.
Das schlimmste ist, dass ich mich eigentlich gar nicht so richtig beschweren darf, weil die Arbeit eigentlich am 07.12. abgegeben werden sollte. Ich hab’s bloß offensichtlich und ehrlicherweise nicht mitgeschnitten. Wir haben heute ja nun leider den 20. –> Wird knapp.

Während ich da so sitze und wieder mal das ein oder andere Wort in das Internet eintippe, welches es fast nicht schafft, die dict.leo.org-Seite aufzurufen (Wer bitte, soll denn um 05:30 Uhr das Internet so hart benutzen, dass die Leitung verstopft oder haben die für das Haus wirklich nen 56K-Modem geschaltet?), erinner ich mich an meine schönsten Wortverwechslungen.
„Wann fährst du ab?“ statt „Wann steigst du aus?“ war schon gut aber auf die Frage hin, warum ich zu spät zum Kurs komme mit „Na, der Krieg!“ zu antworten, war der Bringer. Für zwei Sekunden hat meine unbewusste Ausstrahlung der Selbstverständlichkeit dieser Begründung ausgereicht, die Professorin zu überzeugen. Wenn ich das perfektioniere, kann ich bei der Royal Shakespeare Company anheuern und bin gleichzeitig der mächtigste Mann der Welt. Ich seh mich schon eine ähnlich historische Audio-Aufzeichnung machen wie das Hörspiel der Alienlandung in den USA, das zur Massenpanik führte.
Ich lese völlig übermüdet einen halbwegs hilfreichen deutschen Text zum Thema und erwische mich, dass ich mich frage, ob da nich ein Accent über das e gehört … es wird Zeit, ins Bett zu gehen.
An diesem Tag findet der Kurs das letzte Mal statt, Beginn 9 Ende 11 Uhr. Ich wache um 12 auf und erschrecke, weil ich um die Zeit mit einer Freundin zum Mittag essen verabredet war.

Im Bus treffe ich Jaime (Chaime gesprochen, weil er Spanier ist). Er erzählt mir, dass er dasselbe Problem wie ich mit dem Wohngeld (CAF) hat und dort genau wie ich inzwischen 3 Briefe mit derselben einen Information hingeschickt hat und die es einfach nicht hinbekommen, dass zu lösen. Selbst die Chefverwalterin meines Studentenwohnheims, die eine der wenigen fähigen Bürokraten-Menschen in Frankreich zu sein scheint, verfällt bei meinem Anblick und meinem unschuldig-gewinnenden „J’ai une question sur ce lettre de CAF“-Lächeln inzwischen wahrscheinlich in den Zustand chronischer Kopfschmerzen.
Er ist gerade dabei, das 4. mal ne halbe Stunde hin und wieder von der Uni zu zuckeln, weil die Sekretärin es nicht hinbekommt, mal „ok“ zu antworten, auf ein zugeschicktes Dokument.

Der Direktor der Uni hat doch allen ERASMUS-Studenten angeboten, auch gerne Anregungen zur Verbesserung des Universitätsbetriebes zu geben. Ich hab ja bald Ferien ]:-> … und paar Ideen hab ich auch … mir können die Noten ja egal sein.

Generell ist das irgendwie nicht mein Tag. Die eh schon selbst an Mensa-Maßstäben gemessen ziemlich mäßige Uni-Kost bietet heute noch nicht mal den vollen Umfang an Speisen. Der halbe Essenssaal ist aus Faulheit des Personals gesperrt, während der Rest dafür umso ‚geselliger‘ ist. Wir haben Glück und finden einen Platz.
Gegen Abend haben wir einen kleinen Abschiedsabend für Kristy, die Schwedin, die sich jetzt denkt, dass sie die andere Seite des hundertjährigen Krieges kennen lernen will und das nächste Semester in GB verbringt. Wir sitzen gemeinsam da und philosophieren darüber, ob wir Paris wohl vermissen werden. Einhellige Meinung: Zum besuchen ist Paris total toll, zum Leben eher nicht so. Teuer, überfüllt, sanierungsbedürftig, irgendwie laufen hier einfach paar Dinge falsch. Fest machen wir das vor allen Dingen an den Prüfungen und den Taktungen. Hier hat jemand schon mal 8 Prüfungen in einer Woche und nebenbei noch 1-2 Vorlesungen. Zwischenzeit zum lernen gab’s auch nicht und die meisten Franzosen müssen auch nebenher noch arbeiten, weil Paris doch eher teuer ist. Wird wohl nen Grund haben, warum F die höchste Antidepressiva-Quote/Person in Europa (oder wars weltweit?) hat.
Unter uns ERASMUS-Studenten kursiert seit einiger Zeit schon eine Idee für einen neuen T-Shirt-Spruch: Joyeux EXAMENS!!! Eine Geld-Maschine die nur noch der Umsetzung bedarf. … später vielleicht.
Jaime hat Schokoladenfondue mit ganzen Haselnüssen darin und kleingeschnittenen Früchten zum reindippen gemacht. Guter Mann. Ich fühle mich mit meinen Bouletten etwas im Hintertreffen, dafür finden die alle anderen mega-toll –> Oo. Na ja, wem’s gefällt. Ich lass mir Schokofrüchte und Lob die Kehle runterrinnen und komme zu dem Schluss dass das offizielle Frankreich irgendwie doof und das inoffizielle Frankreich eigentlich ganz cool ist. Franzosen sind auch cool, wenn man sie kennt.

Den darauffolgenden Tag versuche ich, Geschenke zu kaufen und finde Haufen Sachen, die ich nicht mitnehmen kann, weil sie mir im Flugzeug abgenommen werden würden. Es ist zwar Weihnachten, aber die guten Wachgesellschaften haben eigene Familien, die ihnen Wein und Käse kaufen können. Also gehe ich hier mit schlechtem Gewissen und ohne Geschenke nach D zurück und tröste mich selbst damit, dass ich wohl ein Paket schicken werden muss … und der Aussicht auf Muttis essen.

Am Abend vor der Abfahrt, es ist inzwischen Samstag, schau ich noch „Le Hobbit“. Allerdings auf Englisch mit Untertiteln. Ganz nett – wenn man das Hirn abschaltet. Ein Mechanismus, den ich mir jahrelang antrainiert habe. Zack! funktioniert. Überhaupt bin ich überrascht. Ein Kino, in Frankreich, wo konsequent in Originalsprache mit Untertiteln gesendet wird. Echt hübsch.

Ich packe noch am Abend und räume soweit auf, dass akzeptable Hygienestandards gewahrt bleiben. Dann seh ich den Boden des Apartments. „Alter, du musst echt sauber machen“, denke ich mir und geh ins Bett.
Sobald ich die Uni los war, war Frankreich eigentlich ganz cool. Vor allen Dingen werde ich daran erinnert, dass man in D. mit zwanghaft fröhlicher Gesichts-Tacker-Weihnachtsmusik zugedudelt wird, bis es einem fröhlich aus den Ohren sprießt. Gibt’s hier nicht. Ist das schön.
Ich bemerke, dass ich doch gegen Ende bissl Frankreich-Blues hatte und mich jetzt bissl auf gewohnte Verhältnisse und regelmäßige Bus-Abfahrtszeiten freue als ich in das Flugzeug steige.

Wieder in Deutschland warte ich auf den Bus, der mich nach Dresden bringt. Als ich einsteigen will höre ich ein vertreutes „Ick hab jesacht, noch nich einsteigen, bidde!“, woraufhin ich mir ein grinsen nicht verkneifen kann, was den Urheber dieser Aussage für zwei Sekunden etwas aus dem gewohnten Berliner Tritt bringt. Unerhört-höfliche Freundlichkeit. Damit killste hier jeden, ha! Ich bin wieder in gewohnten Kulturmustern.

Auf der Fahrt gönne ich mir einen ergatterten Schatz französischer Hochkultur. Asterix und Obelix bei den Pikten auf französisch. Nach Game of Thrones ein gewisser stilistischer Schwenk, aber Otter-Witze sind einfach großartig.
Mutter ist scheinbar so aufgeregt, ihren Sohnemann bald wieder zu sehen, dass sie mich, trotz nicht-vorhandener Verspätung 2x anruft, ob ich denn auch wirklich gleich da bin. Ja, Mama, geht ja gleich los. Dann fährt sie mich in die Heimkehr und drückt mir ein Fresspaket für den Abend in die Hand. Vielleicht ist das auch so ein wesentlicher Faktor, der in Frankreich fehlt …
Ich freue mich darauf, in meinem Bett zu schlafen und ne Küche, ne richtige Küche zu haben, mit nem Backofen und solchen Scherzen und zwei Herdplatten, auf die man gleichzeitig was stellen kann, was sich dann nicht gegenseitig runterschubst.

Die Küche sieht aus wie Dresden ’45. Ich fühl mich direkt zu Hause und lege erstmal historisch unkorrekt den Chor der roten Armee ins CD-Laufwerk. Sie schmettern „der heilige Krieg“. Ich dreh mich in die Küche, sehe den Feind und fühle mich verstanden. Alles is so wie immer und ich beginne, abzuwaschen … ne Stunde. In mir reift die Erkenntnis, dass man nicht-vorhandenes wohl immer ordentlich idealisiert.
Schön ist, dass sich manche Sachen nicht ändern. Es gibt tatsächlich immernoch die Gabel im Besteckkasten, bei der der Griff komplett abgebrochen ist, was beim essen zu einem Fest-Anblick wird. Toll. Traditionen sind schließlich wichtig.

Aber glücklicherweise wissen meine Ex-und-Mitbewohner-in-spe nicht, was gut ist und es ist noch massenhaft von meinem Tee übrig, den ich hier zurückgelassen habe. Deswegen sitze ich jetzt hier bei einer Tasse Tee, der 9. Sinfonie von Beethoven und einer funktionierenden Heizung (GEIL!).

Jetzt habe ich hier erstmal Zeit, mich wieder zu ordnen und mich all dem zu widmen, was ich inzwischen schon wieder an Vorhaben oder irgendwas gar nicht mehr im Kopf hatte. Und das werde ich jetzt machen. Mich besinnen auf das kommende halbe, dreiviertel Jahr und den Rest danach und was ich dann so machen werde.

Das wünsche ich euch auch.

Freundliche Busfahrer, liebe Muttis, nette Arbeitskollegen und Verwaltungen und vor allen Dingen Zeit,

Frohe Weihnachten und wen ich nicht mehr sehe: Guten Rutsch und frohes neues Jahr.

Max

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From → Allgemein

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